Das neue Endokrinologie-Portal: Interview mit Prof. Bornstein

Das Thema Gesundheit spielt für viele von uns eine wichtige Rolle. Unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden können wir in einem gewissen Rahmen selbst beeinflussen. Wir können uns präventiv gegen Krankheiten wappnen und unser Immunsystem stärken. Mit der richtigen Ernährung, genügend Bewegung und ausreichend Entspannung können wir vielem vorbeugen.

Selbstverständlich spielen die eigenen Gene, aber auch Umweltfaktoren, Einkommen, Bildung, das soziale Umfeld oder die berufliche Situation eine wichtige Rolle. Wir können aber auch unvorhergesehen erkranken, egal wie gesund wir unseren Alltag gestalten. Oftmals spielen unsere Hormone dabei eine wesentliche Rolle!

Hormone und der Stoffwechsel: Ein wichtiges Zusammenspiel

Wer beispielsweise an Schlafstörungen oder Schweißausbrüchen leidet, Hautprobleme, Haarausfall oder Angstzustände hat, depressiv gestimmt ist, sein Gewicht schwer regulieren kann oder über ständige Müdigkeit klagt, könnte eine ernstzunehmende Stoffwechselerkrankung oder vielleicht eine Hormonstörung haben.

Anders als bei typischen Erkrankungen lässt sich bei Stoffwechsel- oder Hormonstörungen kein klares Krankheitsbild festmachen, was man einfach operieren oder durch eine medikamentöse Therapie sofort heilen kann. Oftmals durchleben Betroffene eine unzumutbare Tortur, bis sie schließlich irgendwann erfahren, was ihnen wirklich fehlt.

Es besteht noch viel Aufklärungsbedarf in Sachen “Stoffwechsel- und Hormonlehre”. Wer heute nach bestimmten Gesundheitsinformationen im Internet oder nach einem geeigneten Facharzt sucht, wird auf diesem Themengebiet nur schwer fündig. 

Einer der herausragendsten medizinischen Experten auf dem Gebiet ist Professor Dr. Bornstein am Universitätsklinikum Dresden. Er hat sich der Sache angenommen und gemeinsam mit dem Deutschen Verlag für Gesundheitsinformation (DVFGI) ein neues medizinisches Fachportal mit dem Namen endocrinology.guide ins Leben gerufen. Wir haben nachgefragt und wollten von ihm wissen…

 

endocrinology-guide

Interview mit dem Spezialisten Prof. Bornstein

Prof. BornsteinHerr Professor Bornstein, warum ist aus Ihrer Sicht ein neues medizinisches Fachportal so wichtig und warum ist das Thema “Hormone” bzw. “Stoffwechselstörung” derzeit so aktuell?

Bornstein: Übergewicht, Diabetes, Depression oder Erschöpfungserscheinungen sind mittlerweile Volkskrankheiten, die in unserer Gesellschaft immer weiter zunehmen. Keiner weiß so richtig, woran das liegt, wie man dagegen ankämpfen oder rechtzeitig vorbeugen kann. Immer mehr Menschen sind betroffen und leiden – wenn man sie nicht rechtzeitig oder richtig behandelt – den Rest ihres Lebens. Hier wird deutlich, wie viel Aufklärungsarbeit noch vor uns liegt. Was viele nicht wissen (und wir ja auf den ersten Blick auch nicht sehen können): Hormone spielen eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit. Sie erregen und treiben uns an – genau das bedeutet die altgriechische Bezeichnung horman. Sie sind somit für wichtige Mechanismen im Körper verantwortlich.

Hormone werden durch bestimmte Reize wie Hunger, Stress oder Müdigkeit stimuliert und schließlich im Körper freigesetzt. Auch Umwelteinflüsse, Medikamente und manche Nahrungsmittel können die Produktion fördern. Werden diese allerdings über eine bestimmte Periode negativ beeinflusst, um es einmal allgemein zu sagen – wird der gesamte Hormonhaushalt durcheinander gebracht, was sich selbstverständlich auch auf die Gesundheit auswirken kann.

„Unser Körper sendet schon nach kurzer Zeit wichtige Warnsignale“

Denken Sie einfach daran, was mit Ihrem Körper geschieht, wenn wir über einen längeren Zeitraum zu wenig schlafen, zu viel Stress haben oder uns einseitig ernähren. Unser Körper sendet schon nach kurzer Zeit wichtige Warnsignale: Wir bekommen unreine Haut, unser Blutdruck steigt, die Stimmung sinkt, unsere Muskel- oder Knochenmasse nimmt ab oder wir werden dick. Das Thema ist nicht zu unterschätzen: Wer an einer Hormonstörung erkrankt, sollte einen Fachexperten zurate ziehen. Es kann zu schweren Entzündungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu einem Schlaganfall kommen.

Dasselbe betrifft auch jegliche Ernährungs- und Stoffwechselstörungen, die immer häufiger in unserer modernen Gesellschaft anzutreffen sind: Diabetes mellitus, Störung der Blutglukose-Regulation, Krankheit endokriner Drüsen, Mangelernährung, Schilddrüsenerkrankung oder Adipositas. Wer hier nicht rechtzeitig entgegen wirkt und sich medizinisch therapieren lässt, kann ernsthaft erkranken und sogar frühzeitig sterben.

„Es vergehen leider manchmal Jahrzehnte und der Patient hat dann oftmals eine Odyssee hinter sich, die er hätte vermeiden können.“

Das neue Themenportal endocrinology.guide will den Laien in erster Linie an das Thema heranführen und einen Überblick schaffen. Gleichzeitig will das Portal ein zweites Problem lösen: Nämlich das der Darstellung geeigneter Fachärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Denn hier besteht eine große Diskrepanz zwischen der Anzahl an Patienten und der auf die Erkrankung spezialisierten Fachärzte. Wo findet der Betroffene den richtigen Spezialisten? Es vergehen manchmal leider Jahrzehnte und der Patient hat dann oftmals eine Odyssee hinter sich, die er hätte vermeiden können. Manchmal ist die Krankheit zu diesem Zeitpunkt auch bereits so weit fortgeschritten, dass man nicht mehr viel tun kann. Das Problem ist: Viele Krankheiten der Hirnanhangdrüse, der Schilddrüse, der Nebenschilddrüse, Nebenniere, die schwere oder sogar lebensbedrohliche Komplikationen auslösen können, werden nicht selten viel zu spät erkannt!

 

Was hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren getan und welche medizinischen Trends sind zu verzeichnen?

Bornstein: Zum einen ist deutlich, dass Erkrankungen wie Diabetes, Adipositas oder Depression immer weiter zugenommen haben und vermutlich weiter ansteigen werden. Unser deutsches Gesundheitssystem ist meiner Meinung nach nicht wirklich darauf ausgerichtet, Erkrankungen, die sich auf unser endokrines System, also auf unsere verschiedenen Signalstoffe und inkretorische Drüsen beziehen, ausreichend zu versorgen. Aber gerade die Störung unserer Stoffwechselvorgänge löst derartige Leiden aus, die inzwischen zu den großen Volkskrankheiten gehören.

  • Die WHO zählte 2015 rund 322 Mio. Menschen auf der ganzen Welt, die an einer Depression leiden. Das sind 4,4 % der Weltbevölkerung.
  • nach Angaben des BFM sind allein in Deutschland rund 60% der Männer und 43% der Frauen zu dick. Das zieht wieder weitere Erkrankungen nach sich wie Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder orthopädische Probleme.
  • und zu guter Letzt: allein in Deutschland leiden laut DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) etwa 6,7 Mio. Menschen an Diabetes Typ 2 – dazu kommen noch geschätzt 3 Mio. Menschen, die es noch nicht wissen. 

Deshalb ist es an der Zeit, ein medizinisches Fachportal ins Leben zu rufen, das informiert, aufklärt und sensibilisiert, aber auch an den richtigen Fachexperten führt.

 

Vielen Dank für das aufschlussreiche und sehr interessante Gespräch, Herr Professor Bornstein! 

 


ÜBER DEN FACHARZT

Professor Bornstein ist Diabetologe, Endokrinologe und Experte für Stoffwechselerkrankungen. Der Mediziner ist Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III und des Zentrums für Innere Medizin der Universitätsklinik Dresden. Er ist auf die Fachgebiete Endokrinologie, Angiologie (Gefäßerkrankungen) und Nephrologie (Nierenlehre) spezialisiert.

Zu seinen Behandlungsschwerpunkten gehören u.a. Hormon- und Stoffwechselstörungen, Diabetes (mellitus Typ 1 und 2), Osteoporose, Schilddrüsen- und Nebennierenerkrankungen, Knochenstoffwechsel- und Sexualfunktionsstörungen und das metabolische Syndrom (darunter fasst man jegliche Krankheiten und Risikofaktoren zusammen, wie zu hoher Blutdruck, erhöhter Blutzucker- und Blutfettwert und Adipositas).

Wollen Sie mehr über den Fachexperten erfahren? Dann besuchen Sie sein Arztprofil.  


von Regina Tödter. 04.10.2017


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